Aug/090
Standpunkt: Osmos
Wir PC-Spieler rümpfen immer gerne die Nase über die Konsoleros und ihre Simpel-Spielchen mit 6 Gamepad-Tasten-Steuerung und dann verweisen wir auf [Hier-Hardcore-PC-Spiel-einfügen] mit seinen dreifach belegten Tasten und hundert Untermenüs. Dabei ist Spielspaß nicht zwingend von der Komplexität abhängig. Osmos von Hemisphere Games braucht eigentlich nur die linke Maustaste - aber entfaltet doch seinen ganz eigenen Reiz, der im Verlauf des Spieles sogar höchst taktischen Ansprüchen genügt. Warum ich am Ende trotzdem enttäuscht war, verbirgt sich in dem Texthaufen hinter dem Umbruch.
Gravitation, Masse, Trägheit - Osmos beschwört all die ehernen Grundsätze der staubtrockenen Physik, die seit dem Ende der Schulzeit in ein eine dunkle, unbenutzte Ecke des Gehirns abgeschoben wurden (außer natürlich man ist Astrophysiker geworden, aber dann hat man wohl ganz andere Probleme). Dass man als Spieler aber vordergründig erst einmal gar nicht an naturwissenschaftliche Theorie denkt, liegt daran, dass Osmos sich auf den ersten Blick als transzendierend-angenehmes Ambiente-Kunststück mit spielerischer Komponente präsentiert. Man ist Herr über ein einzelnes zellartiges Kügelchen und die einzige Möglichkeit, dieses zu beeinflussen, ist per Masseaustoß einen Bewegungsmoment zu erzeugen. Derart verlorene Zellmasse erhält man durch Absorbieren von kleineren Zellen, analog dazu gilt es auch, den Tod durch größere Zellhaufen zu meiden. Mehr Interaktion gibt es nicht.
So sitzt man anfangs kontemplierend vor einem Brei aus wabernder Zellmasse, lauscht dem extrem gelungenen Elektro-Soundtrack und fühlt sich wie ein meditierender Zen-Buddhist. Das Ziel des Großteils der 47 Level ist es, schlicht und ergreifend den Größten zu haben. Den größten Zellhaufen. Während das zu Beginn noch ein kinderleichtes Unterfangen ist, kommen in späteren Abschnitten des Spieles immer größere Hindernisse hinzu: andere Zellen, die ähnliche Motive wie der Spieler haben, Antimaterie, deren Kontakt man vermeiden sollte oder ein sonnenähnlicher Klumpen in der Levelmitte, der sämtliches Leben um sich rotieren lässt und dabei gnadenlos an sich saugt. Der Schwierigkeitsgrad steigt jedoch hauptsächlich dadurch an, dass bei Levelanfang die Konkurrenz immer größer wird (sowohl an Zahl als auch an Masse), sodass die ersten zehn Sekunden stets mit hektischem Suchen nach assimilierbarem Zellmaterial ablaufen. Diese gnadenlos darwinistische Aggressivität ist gepaart mit häufigem Trial-and-Error-Neuladen und läuft schlussendlich dem Ansatz von Osmos zuwider - entspannendes Taktieren weicht in den letzten Abschnitten dem permanenten Erreichen der Frustgrenze.
Zudem fehlt es schlicht an Abwechslung. Ein kleiner Genbaukasten zum Individualisieren des Alter Ego hätte Wunder bewirkt, aber es scheint so, als hätte Hemisphere Games Angst gehabt, dem Spielprinzip etwas Komplexität zuzumuten. So bleibt am Ende zwar ein wunderschön designtes Ambiente, das in Sachen Gameplay aber leider nicht mit der Präsentation mithalten kann. Schade eigentlich, sind es doch normalerweise gerade die Indie-Spiele, die Substanz über den Stil stellen.


