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Sep/09
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Aion: Impressionen einer Beta

Die Flügel, der Schmerz... diese wirre Hintergrundgeschichte...Mit dem heutigen Tag endet der offene Betatest der koreanischen MMORPG-Hoffnung Aion von NCSoft. Schon in genau einer Woche können dann alle Vorbesteller die Release-Server bevölkern und den Beweis antreten, das Aion der World of Warcraft-Killer ist, der es gerne sein möchte. Ach ja, World of Warcraft... wenn man über Aion schreibt, kann man Vergleiche mit dem Blizzard-Knuddel-MMO nur schwer vermeiden. Doch das sollte man auch gar nicht, WoW ist nunmal der (zahlenmäßig) unbestrittene Platzhirsch mit weit über 10 Millionen zahlenden Abonnenten und jedes Online-Rollenspiel der Post-WoW-Ära muss sich die Vergleiche mit dem Branchenprimus gefallen lassen und zwar aus einem Grund: sie kopieren zu viel WoW, anstatt mit neuen Ideen zu punkten.
Wer sich zum ersten Mal in Aion einloggt, wird mit einer recht umfangreichen Charaktergenerierung überrascht. Genügend Vielfalt bei Gesicht und Körperbau sorgen zumindest dafür, dass in den Startgebieten nicht völlig langweilige Klonarmeen herumhirschen. Neben Namen und Aussehen entscheidet man sich Genre-typisch auch noch für eine der zwei unterschiedlichen Fraktionen: Elyos oder Asmodier, hell oder dunkel, Blah oder Blubb, Allianz oder Horde. Ähm...
Bevor mir das Rumreiten auf diversen schwer zu vermeidenden Ähnlichkeiten mit World of Warcraft vorgeworfen wird, möchte ich mich gleich präventiv rechtfertigen. Aion ist wie WoW. Jetzt hab ich's gesagt und ein Aufschrei von Millionen von Aion-Fans wird mich gleich niederstrecken. Aber es ist auch tückisch: World of Warcraft hat viele Mechaniken eingeführt, die mittlerweile (unverständlicherweise) als Quasi-Standard angesehen werden und Eins-zu-eins von fast allen neuen MMORPGs kopiert werden. Und hier liegt auch der Hund begraben: bevor Blizzard das Genre massentauglich machte, existierten vielfältige Ansätze, wie ein Massively Multiplayer-Spiel aussehen könnte. Es gab Ultima Online mit seinem levellosen Charakteransatz, es gab EVE mit seinem wahrlich gigantischen, spielergesteuerten Universum, es gab Everquest und zig Nischentitel, die dem Genre vor allem eins brachten: Abwechslung. Nach dem umwerfenden Erfolg von WoW (das an sich ja so schlecht gar nicht war), wich diese Abwechslung einer Uniformität in Bezug auf Steuerung, Zugänglichkeit, Fortschrittsgeschwindigkeit und Kampfsystem.

Poeta's Protector Jarek live in Aktion - Nimm das, ekliges Muscheltier!Viele Leute sind von ewigen WoW-Vergleichen unendlich genervt, aber was soll man denn Anderes sagen, wenn man nach dem Einloggen in Aion direkt die Tutorials wegklicken kann, weil sich erstmal alles, wirklich alles bis hin zur Tastenbelegung, exakt wie Blizzards Meisterstück spielt? Auf Schienen werden wir von Quest zu Quest geleitet, wieder einmal heißt es "Töte dies", "Bringe das", Kämpfe laufen nach altbekanntem Shortcut 1-Shortcut 2-Shortcut 1-Muster ab. Aion ist so mutlos, dass man Schreien möchte. In der ersten Spielstunde ist die auffallendste Neuerung der Ablauf des Kräutersammelns. Der. Ablauf. Des. Kräutersammelns! Und der Unterschied ist, dass man auf zwei Fortschrittsbalken starrt und das Ganze etwas länger dauert. Ich sehe ja ein, dass die WoW-verwöhnte Spielermasse Innovationen kaum zu schätzen weiß (sonst würden sie nicht den dritten Aufguss desselben Addon-Quarks frenetisch bejubeln). Da ist es für einen Entwickler ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko, wenn man allzu viele Dinge anders macht als Blizzard. Andererseits ist aber gerade die Gleichmacherei auch der Grund für das Scheitern der bisher als WoW-Killer gehandelten Online-Rollenspiele. Niemand kann sich aus dem Stand heraus mit der über Jahre hinweg polierten Spielmechanik und dem sehr beachtlichen Umfang von World of Warcraft messen. Und auch wenn NCSoft jetzt stolz seine 300.000 Vorbesteller in der westlichen Welt feiert: darunter werden wie immer Unmengen von WoW-Daddlern sein, die nach dem Probemonat doch wieder nach Azeroth zurückkehren werden. Denn Aion bietet insgesamt zu wenig Neues, um sich stark vom Rest des MMORPG-Einheitsbreis abzuheben.

Aber was macht Aion denn nun anders? Ein bißchen ist es ja schon. Wer zum Spielen für gewöhnlich die Augen aufmacht, sieht natürlich zuerst die Grafik. In den FAQs steht immer, dass es sich hier um eine Crytek-Engine handelt, aber augenscheinlich muss es die erste Version davon sein (die aus FarCry), denn Aion ist außerhalb von vorgerenderten Screenshots etwas... nun ja. Wäre ich höflich, würde ich sagen, dass es optimiert ist, um auch auf schwächeren Rechnern flüssig zu laufen. Aber da ich nicht höflich bin, sage ich einfach, dass Aion zuweilen potthässlich ist und nur ansatzweise das Potential der eigenen Engine ausnutzt. Viele Texturen sind selbst auf hoher Detailstufe verwaschen und die Landschaft erhebt sich zwar zuweilen in majestätische Dimensionen, bleibt aber dabei erschreckend polygonarm. Am ehesten sieht man die technologischen Fortschritte noch bei den Spielcharakteren und NPCs, die leidlich detailreich und gut animiert dreinschauen. Aion atmet dabei aber sehr stark den asiatischen Stil, der mit seinen Manga-Gesichtern nicht jedem gefallen wird. Ich habe prinzipiell kein Problem damit, wenn mein Beschwörer nicht irgendwann so ausgesehen hätte wie eine Mischung aus Hermes und Brüno. Und das ist kein Kompliment, wie das folgende Bild beweist.
Wer wollte nicht schon immer einmal so aussehen?"Aber Aion hat Flügel!", liest man allerorten. Ja, das hat es. Und es ist tatsächlich eine Qualität, die Aion auszeichnet, denn im Flug ist es - im Gegensatz etwa zu WoW - weiterhin erlaubt zu kämpfen. Die dritte Dimension bringt auf jeden Fall mehr taktische Tiefe in die Kämpfe, vor allem in den Spieler-gegen-Spieler-Scharmützeln, zumal auch viele Klassen spezielle Fertigkeiten besitzen, die sich direkt auf die Fliegerei beziehen. Aions Combo-System hingegen macht die Kämpfe leider noch simpler, als sie es eh schon sind. Viele Fähigkeiten bauen aufeinander auf, können also nur in einer bestimmten Reihenfolge (und dann mit immer derselben Taste) abgerufen werden. Ein eh schon klickarmes Spiel wird so noch einen Tick einfacher. Inwiefern das munter als PvPvE bezeichnete PvP-System Spaß macht, kann ich nicht sagen. Erfahrungen aus der Beta zeigen aber, dass die Fraktionskämpfe zumindest in der offenen Welt ablaufen, was eine mehr als willkommene Änderung zum Instanzierungswahn der WoW-Ära gelten kann. Ob die Server allerdings solche Massenschlachten ruckelfrei verarbeiten können, bleibt offen.

Der PvE-Teil des Spiels scheint hingegen dem altbekannten, mühsam vertuschten Grinding-Muster zu folgen. Die Quests sind schlichtweg uninteressant und eine billige Rechtfertigung, um erneut Tiere und Monster um diverse Teile ihres Körpers zu berauben, weil irgendjemand daraus ein Süppchen kocht, das ihm weiterhilft. Aber es gibt noch sogenannte Kampagnen, also längere Questreihen, die der Monsterklopperei und dem eigenen Charakter etwas epische Hintergrundgeschichte verleihen sollen. Sollen habe ich gesagt, denn so einfallslos war eine Story schon lange nicht mehr (genauer gesagt: seit Age of Conan). Hurra, wir haben unser Gedächtnis verloren! Das ist mal ein überraschender und unvorhersehbarer Twist! Nie dagewesen! Vielleicht sollte ich auch die tollen Ingame-Zwischensequenzen erwähnen. Im Spiel laufen wir nach erledigter Kampagnenquest zu unserem Auftraggeber. Dort lungern zig andere Spieler herum, die ebenfalls die Questreihe gelöst haben, irgendwo daneben propagiert jemand niedrige Preise in seinem Item-Verkauf. Startet die Zwischensequenz, verschwindet alles aus der Umgebung, weicht für vier Sekunden einer jubelnden NPC-Menge, bevor wir abrupt zurückgeworfen werden und wieder "Low prices, great items!" lesen, während ein Tastaturspastiker vor unserer Nase auf und ab hüpft. Episch, wahrhaft episch!
AionWas für ein Fazit kann man denn nun nach einem solchen Textschwall aus unterdrückter Wut und Enttäuschung ziehen? Eines auf jeden Fall: Aion ist nichts für mich. Es fügt dem Genre der MMORPGs nichts Nennenswertes hinzu und schlägt sich wacker im wenig schmeichelhaften Wettbewerb "Wie kopiere ich World of Warcraft?". Seine treue Anhängerschar wird das Spiel trotzdem finden und vielleicht sogar längerfristig binden können. Das Fliegen ist mehr als nur ein kleines Gimmick und zum Release wirkt Aion schon sehr stabil und erstaunlich bugfrei. Das ist im Genre keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, wenn man sich nur einmal an den Age of Conan-Release erinnert. Eine Wachablösung des Dauerbrenners WoW wird Aion aber mit Sicherheit nicht, ein erinnerungswürdiges Kapitel in der Geschichte der Online-Rollenspiele leider auch nicht. Wer nicht mehr erwartet, wird sicher ein paar nette Stunden in der Aion-Welt verbringen, und zwar mit einer etwas reifer wirkenden Community als das heutzutage üblich ist. Das ist doch auch ein ganz netter Pluspunkt.

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