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Sep/09
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Achievement freigeschaltet, oder: Der Irrsinn mit den Errungenschaften

Alt-Held: Entdecke 100 Alt-Texte bei den Steamgamer-Bildern Wenn irgendwann einmal die unvermeidliche Zombie-Apokalypse über die Menschheit hinweggefegt ist, werden die wenigen Überlebenden sich an den Beginn dieses weltverändernden Ereignisses erinnern und sagen: "Ich weiß nicht wo sie hergekommen sind, sie waren einfach irgendwann da und es wurden immer mehr."
Ähnliches kann man schon heute sagen, nämlich über die seuchenartig um sich greifenden Achievements. Irgendwo von der Xbox haben sie ihren Weg auch auf unsere Heimcomputer gefunden und nicht zuletzt dank Steam haben sie sich rasant verbreitet. World of Warcraft hat sie mittlerweile, Starcraft 2 wird sie haben und ebenso eine ganze Latte anderer Spiele, unter ihnen der halbe Steam-Katalog. Doch sind die (per definitionem sinnfreien) Errungenschaften wirklich eine Bereicherung für ein Spiel oder nur eine für den Hersteller billig zu implementierende Luftblase? Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit wird dem enthüllt, der weiterliest.

Als ich damals Defense Grid: The Awakening zum ersten Mal startete ahnte ich noch nichts Böses. Doch nach einer der ersten Missionen kam das Grauen: mindestens drei Achievements ploppten aus dem Nichts auf, versperrten die Sicht auf das Spiel und informierten mich mit unerträglicher Aufdringlichkeit über völlig banale Dinge. Ich hatte einen Boss getötet, eine Medaille gewonnen und am Ende des Levels ein bißchen Geld übrig. Ebenso hätte man mich darüber aufklären können, dass ich zum 100. Mal die linke Maustaste geklickt hatte, ich Windows XP benutze und es gerade 16:00 Uhr ist. Wenn Achievements tatsächlich nur die zusätzliche Bestätigung des völlig Offensichtlichen sind, kann man getrost darauf verzichten.

Das Beispiel Defense Grid ist gut, wenn auch im negativen Sinn. Viele Spiele implementieren die Errungenschaften mit trauriger Ziel- und Planlosigkeit. Braid vergibt die virtuellen Anstecknadeln einfach für die Komplettierung der Spielabschnitte, ebenso tut es das neu erschienene Osmos. Doch wer freut sich ernsthaft über das kleine Steam-Popup, wenn doch eigentlich das Spiel selbst den Fortschritt belohnen sollte? Bei Braid werde ich durch das Gefühl der Zufriedenheit, das sich nach dem Lösen eines gehirnverknotenden Puzzles einstellt, ausreichend belohnt. Ein Achievement banalisiert hier nur meinen stillen Triumph. Ebenso wenig zufriedenstellend ist Day of Defeat: Source, das hauptsächlich number crunching betreibt- töte 50 Gegner mit dieser Klasse, töte 100 Gegner mit jener Waffe und so weiter und so fort. Weder wird der 50. Abschuss mit dem M1 Garand dadurch schöner, noch fühlt man sich danach besser.
Doch was heißt das jetzt? Achievements sind überflüssiger Krempel, den die Welt nicht braucht? In oben genannten Spielen stimmt das und so könnte man vorschnell resümieren, dass Achievements nur der überflüssige Wurmfortsatz des Spiele-Blinddarms sind. Aber dann wäre der Artikel zu Ende (und das mit einer grausamen Metapher), alle würden traurig nach Hause gehen und die Welt wäre wieder ein Stück schlechter geworden. Das will keiner und zum Glück gibt es ja auch einige Lichtblicke im düsteren Achievement-Dickicht.

*ding* Der Heavy freut sich über's Achievement, der Engineer schaut neidisch zu

Mein Lieblingsachievement ist immer noch: "Bringe einen Spieler, den du dominierst, dazu den Server zu verlassen", es stammt - wer hätte es gedacht? - aus Team Fortress 2 und wirft all das in die Waagschale, was Errungenschaften richtig machen können. Es belohnt ein Spielereignis, das ansonsten von der Mechanik weder kommuniziert noch gesondert registriert wird, für den Spieler aber ein Erfolgserlebnis sein kann. TF2-Achievements haben die Eigenschaft, dass sie mitten im Spiel aufploppen und man zwar eine Vermutung hat, wofür man jetzt die digitale Plakette bekommt, es aber nicht genau weiß. Dann folgt der Blick auf die Beschreibung und man hat ein schönes Aha-Erlebnis: Man hat einen Kameraden geheilt, der durch einen Aufprall sonst den Löffel abgegeben hätte. Oder man hat den Trostpreis gewonnen, weil man zum fünfzigsten mal von einem Spy hinterrücks gemeuchelt wurde. Letzteres macht noch einmal deutlich, was Team Fortress 2 fast allen anderen Multiplayer-Shootern voraus hat, dass man nämlich auch in der Niederlage motiviert oder zumindest zum Lachen gebracht wird.
Dass TF2 aber nicht zum leuchtenden Beispiel für den Achievement-Einsatz werden soll, zeigt die andere Seite der Valve-Medaille. Lange Zeit waren die klassenspezifischen Errungenschaften das einzige Mittel, um an die freischaltbaren Waffen zu kommen. Das war (und ist immer noch) ein fataler Fehler, weil damit ein permanentes Meta-Element in ein ansonsten unterhaltsames Kann-man-auch-mal-zwischendurch-daddeln-Spiel gebracht wird. Die Spieler forcieren gezielt künstliche Situationen, um die Achievements so schnell wie möglich freizuschalten. Das ging sogar soweit, dass es spezielle Server nur für das Farmen der Plaketten gab. Und wenn Achievements etwas nicht sein sollten, dann eine dominierende Zielsetzung im Spiel.

Das größte Problem ist schlicht, dass die meisten Entwickler für den Steam-Katalog ihrem Spiel noch schnell ein paar Achievements aufpropfen wollen. Das soll möglichst unaufwändig vonstatten gehen, deshalb beschränkt man sich zumeist auf die leicht implementierbaren "Erreiche Level soundso"-Auszeichnungen. Komplexe Achievements wie sie etwa Team Fortress 2 bietet, müssen hingegen aufwändiger in den Programmcode eingebunden werden. Klar, das kostet den Entwickler mehr Ressourcen, ist dann aber auch ein echter Mehrwert für den Spieler. Das sollte auch das Ziel der Errungenschaften bleiben und wenn ein Entwicklerteam das nicht umsetzen kann, sollten sie auch nicht auf Zwang noch Achievements integrieren, "weil das ja gerade angesagt ist". Spaß kann ein Spiel auch ohne die grauen Popup-Kästchen machen. Schließlich haben wir die letzten zwanzig Jahre auch darauf verzichten können, ohne das Gefühl gehabt zu haben, dass wir etwas verpassen würden.

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. Wie wahr.

  2. größtmögliche Zustimmmung – vielen Dank für den Artikel!

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