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Okt/09
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Angespielt: Risen

Schwerter im Sonnenuntergang - Fantasy-Idylle im PostkartenformatDie ersten beiden Teile von Piranha Bytes Gothic-Reihe gehörten zu den wenigen deutschen Spielen, die auch außerhalb des Bratwurst-Und-Sauerkraut-Landes Beachtung fanden. Und das zurecht: die Hack'n'Slay-RPGs waren technisch zwar nie etwas Besonderes, boten aber vor allem das, was ein gutes Rollenspiel stets auszeichnen sollte: Atmosphäre, Atmosphäre und Atmosphäre! Risen soll nach dem bugverseuchten Debakel mit Hang zur Unspielbarkeit, das auf den Namen Gothic 3 hörte, nun wieder alles ins Lot bringen. Mit frischem Namen und neuem Publisher will Piranha Bytes den Jowood-Lizenz-Hickhack vergessen machen und eine Reminiszenz an die früheren Gothic-Titel abliefern. Warum man dabei ein Stück zu weit gegangen ist, steht hinter dem Umbruch.

Ich persönlich habe Gothic 2 erst ein ganzes Stück nach dem Hype gespielt. Vielleicht gehöre ich auch deshalb nicht zu der Fraktion, die das Spiel als die beste Erfindung seit dem geschnittenen Brot darstellen möchte. Aber der Titel hat mit einigen Pfunden gewuchert, die ihn einzigartig gemacht haben: die Welt war dreckig und düster, die NPCs einprägsam und gut ausgearbeitet und das Prinzip der offenen Welt war unwahrscheinlich gut umgesetzt. Doch es gab auch damals schon Dinge, die nicht gerade zu den Highlights der Gothic-Reihe gehören:  die zugrundeliegende Technik und das übermäßig simple Kampfsystem. Nur nostalgisch verklärte Naturen halten das Totklicken der Gegner mit ewig aneinandergereihten Schwerthieben für eine gelungene Umsetzung mittelalterlich geprägten Nahkampfes.

RisenDer Beginn von Risen ist womöglich das unterwältigendste Ereignis der jüngeren Rollenspielgeschichte. Der namenlose Held startet als nichts ahnender Schiffbrüchiger auf einer Insel (wie originell) und seine rumnörgelnde Begleiterin dient als gnadenlos spaßtötendes Tutorial. Dabei hätte es das gar nicht gebraucht, denn schon nach 5 Minuten ist klar: Risen ist Gothic 2 in neuem Gewand. Und zuerst kehrt das Spiel auch all seine schlechten Seiten nach außen: die Kämpfe sind - wie gewohnt - hölzern und öde. Klick, klick, klick, dann fallen die ersten Wölfe um. Und obwohl die Risen-Insel sehr detailverliebt ist, kann die üppige Vegetation nicht über die gröbschlächtige Engine hinwegtäuschen. die Landschaft ist an Polygonen genauso arm wie die Figuren an Gesichtsanimationen. Noch dazu stakst und hüpft der Held so unfreiwillig komisch durch die Pampa, dass man in den Handbuch-Credits schauen möchte, ob da überhaupt jemand in der Animationsabteilung gesessen hat, oder ob dort nur ein einsamer Affe im Häkel-Jäckchen Telefondienst geschoben hat. Summa summarum: Nach einer halben Stunde Spielzeit ist das einzig Positive an Risen, dass es bisher noch kein einziges Mal abgestürzt ist und weitestgehend bugfrei läuft.
RisenDerart mit dem Spiel hadernd, stolpere ich in das (obligatorische) Banditenlager. Und hier fängt die Sache plötzlich an, interessant zu werden. Die Geschichte von Risen gewinnt zwar keine Originalitätspreise und schrammt so manches Mal nur knapp an der Grenze zum Groschenroman entlang, aber das alles rückt dank der toll inszenierten Charaktere in den Hintergrund. Keiner im Lager will gerne mit mir reden, stattdessen ecke ich gleich mächtig an. Mein Hinweis an den Obermacker, er solle "seinen Scheiß doch alleine machen" besorgt mir prompt den ersten Denkzettel. Ein Handlanger haut mich aus den Latschen und klaut die wenigen Goldstücke, die ich besitze. Also heißt es: Anpacken und Respekt verschaffen. Die Quests sind dabei wenig originell, das Drumherum dafür umso mehr. Endlich schafft es ein Spiel mal wieder, die Banditen nicht so reden zu lassen wie ein Adeliger in Lumpen, sondern tatsächlich wie die rohen Männer, die sie nunmal sind. Und der Held gibt sich redliche Mühe, das sprachliche Niveau zu halten. "Junge, ich glaube, ich klatsch dich gleich mal um" ist da noch ein nett formulierter Aufruf zur Ordnung.

Sobald allerdings das Schwert wieder zum Mittel der Diplomatie wird, erinnert man sich schmerzhaft an die Anfangsphase und der Spielspaß nimmt den Fahrstuhl und fährt ein paar Etagen tiefer. Das Klickfest der Vorgänger wird durch ein ebenso unbefriedigendes Dauer-Parieren ersetzt, bei dem sich die beiden Kombattanten mitunter minutenlang umkreisen und auf die Lücke in der Verteidigung des Gegners warten. Wer dabei zuerst einschläft, verliert.

risen_05Nach knapp sieben Stunden Kurier- und Klopp-Quests liegt dann der großmäulige Bandit vom Beginn im Staub der Arena. Endlich bekomme ich meine Audienz bei Don Esteban, dem totalitären Anführer der Bande. Aber hinter mir liegt ein Spielerlebnis, das an tropisches Wechselfieber erinnert: heiß, kalt, heiß, kalt und vor allem das frostige Kampfsystem verhindert, dass ich mit Risen wirklich vollends warm werde. Aber immer lauert hinter der nächsten Ecke schon ein weiterer Dialog, ein weiterer toller Sonnenuntergang und reißt mich wieder mit. Und das ist es, was ein gutes Rollenspiel am Ende braucht: Atmosphäre, Atmosphäre, Atmosphäre. Ein schönes Kampfsystem wäre aber zur Abwechslung auch mal nicht schlecht.

Wer sich gerne selbst ein Bild von Risen machen möchte, findet auf Steam die recht umfangreich ausgefallene Demo.

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