Okt/090
Unterwegs in Borderlands, erste Eindrücke
Bei kaum einem Spiel habe ich dieses Jahr so gerne in die Hype-Gesänge eingestimmt wie bei Borderlands. Warum auch nicht, es verspricht schließlich ein Kombination aus der rasanten Action eines reinrassigen First-Person-Shooters und dem cleveren "Ich-will-stärker-werden"-Prinzip eines Rollenspiels. Nun hat die Vorfreude ein Ende, Borderlands ist - endlich auch für europäische Steam-Nutzer - spielbar und es folgen meine ersten Erlebnisse in Pandora. Überwiegender Eindruck nach dem Starten des Spiels: was für eine lausige Konsolenportierung! Näheres folgt weiter unten.
Wenn ich lese, dass ein Konsolen-PC-Hybrid-Spiel auf die Unreal Engine 3 setzt, kommt mir das kalte Abendbrot vom Vortag hoch. Keine andere Engine wird so oft für Cross-Plattform-Spiele benutzt und da ein Naturgesetz auch besagt, dass rund drei Viertel aller PC-Portierungen dieser Spiele technisch grottenschlecht sind, kommt der schlechte Ruf nicht von irgendwo. Borderlands, man ahnt es schon, ist keine Ausnahme. Die erste Interaktion nach den Introfilmchen verlangt vom Spieler, Enter zu drücken, um ins Hauptmenü zu gelangen. Ja klar, ich darf nicht mit der Maus klicken oder auf eine andere Taste, nein ich muss Dreieck Kreuz Enter drücken. Ein Blick in die Videoeinstellungen verheißt wieder Ungemach: keine V-Sync-Option, kein Anti-Aliasing, schönen Dank Gearbox, ihr wisst genau was PC-Spieler wollen. Bereits derart unterwältigt folgt der absolute Tiefpunkt: nach dem (zugegebenermaßen sehr schicken) Intro steigt man in Fyrestone aus dem Überlandbus - und latscht direkt in eine Geisterstadt. Das soll unser erster Quest-Knotenpunkt sein? Der vorerst einzige nicht feindliche gesinnte NPC ist der wahnsinnige nervige und wahnsinnig unlustige Tutorial-Roboter Claptrap, dem ich schon nach zwei Minuten gerne die Stimmschaltkreise aus seinem Blechkörper reißen möchte. Und dann zwingt mich das Spiel mit einer Quest auch noch dazu, den Metallburschen zu reparieren, nachdem er - völlig verdient - ein paar Kugeln gefressen hat.
Aber wir wollen nicht so sein, schließlich geht's uns vor allem um eins: Schießen. Ach ja, und Loot sammeln. Beides gibt es in Borderlands reichlich und nach den ersten Schusswechseln ist man bereits etwas versöhnlicher gestimmt. Die Gefechte gehen locker von der Hand, zumindest wenn man die seltsame - und standardmäßig aktivierte! - Zielhilfe deaktiviert hat. Ach ja, und wenn man das grausame Mouse-Smoothing durch einen Eintrag in der Config-Datei ausschaltet. Beides sind hässliche Überbleibsel von der Konsole und das wird noch häufiger passieren. Die ersten Quests sorgen für ein wenig Sightseeing in der näheren Umgebung und auch gleich für tonnenweise Schießprügel. Gearbox hat mit seinem "Wir haben 500.000 Waffen" nicht übertrieben, aber erwartungsgemäß sind die Attribute der ganzen Knarren einfach nur zufällig zusammengewürfelt und prinzipiell gibt es nur einige Varianten, die man gerne in die Hand nimmt. Trotzdem ist der Sammeltrieb enorm, denn Borderlands belohnt den Spieler reichlich mit neuem Kriegsgerät für sein Waffenarsenal und einige der Knarren haben wunderbar abgefahrene Effekte. Rollenspieltechnisch bleibt man aber weit hinter den Möglichkeiten zurück. Im Prinzip ist Borderlands ein waschechter Shooter mit einem Talentbaum und vielen Waffen. Wer gerne Rechenspiele betreibt, Trefferchancen berechnet und Min-Max-Charaktererstellung betreibt, wird definitiv enttäuscht sein, denn der RPG-Anteil ist minimal. Selbst die Quests sind absolut generisch und einfallslos, sodass selbst ich mittlerweile einfach nur die Aufträge durchklicke, nix durchlese und zum markierten Zielpunkt laufe, um ordentlich zu ballern. Das jedoch macht bisher durchaus Spaß, auch trotz der zensierten deutschen Fassung (die man wenigstens in englischer Sprache spielen kann).
Insgesamt macht Borderlands einen ordentlichen Eindruck. Dass es dem Hype nicht gerecht werden wird, war von Anfang an klar, aber etwas kreativer bei der Ausgestaltung des Rollenspiel-Teils hätte Gearbox schon sein können, denn die völlig leblose Welt schafft im Gegensatz zu Fallout 3 wenig Endzeit-Flair. Und nochmal zum leidigen Thema Konsolenherkunft: Die Menüs sind wahnsinnig krampfig. Ehrlich, wenn ich Questtexte mit Bild-Hoch und Bild-Runter durchscrollen soll, kommt mir das kalte Grausen. Das Interface ist einer, wenn nicht sogar der größte, Minuspunkt bisher, denn es ist für PC-Spieler extrem unintuitiv zu bedienen und wahnsinnig fummelig. Was der weitere Spielverlauf bringt und ob der Multiplayermodus den Spielspaß noch in ungeheure Dimensionen katapultiert, erfährt der geneigte Leser bald in einem ausführlichen Standpunkt.


