Zu Halloween erschien mit Jäsøn die erste Early Access-Webserie bei Steam überhaupt. Aufgrund von Kommunikationsfehlern und unterschiedlichen Erwartungen ging das aber gewaltig schief. Ein Interview mit Patrick S. Marshall.

Jäsøn ist eine Webserie von Dir, die vor einigen Tagen bei Steam als erste Serie überhaupt im Early Access launchte. Momentan befindet sich die Serie aber noch in Produktion. Außer ein paar Teasern und Zeichnungen gibt es derzeit nichts zu sehen. Es klingt also sehr danach, als würdet Ihr das Early Access-Programm als eine Art Crowdfunding nutzen, um das Projekt überhaupt starten zu können. Ist das richtig?

Patrick S. Marshall: Nein, das ist so nicht richtig. Wir haben Jäsøn schon länger in Planung und Steam kam erst vor kurzem überhaupt ins Bild. Was wir in Early Access an Einkommen gemacht hätten, das wäre zwar durchaus in die Produktion zurückgeflossen und hätte vielleicht die einen oder anderen leichten Kosten gedeckt, aber es wäre kaum genug, um wirklich über ein ernsthaftes Produktionsbudget zu sprechen. Wir haben auch tatsächliche Crowdfunding Kampagnen geplant, um unser Budget etwas aufzubessern, aber auch da reden wir lediglich von einer Verbesserung des Budgets und nicht von der eigentlichen Finanzierung des Projekts.

Zwar war Jäsøn immer schon als Low Budget gedacht, aber wenn man ein wenig Ahnung von Filmproduktion hat, dann weiß man, was da für Kosten drinnen stecken können. Eine Folge Tatort kostet gute 1,5 bis 3 Millionen Euro, große Serien wie Game of Thrones oder House of Cards verschlingen noch mehr.

Wir kommen natürlich nicht mal annähernd in diese Regionen, aber das ist auch gewollt. Schließlich machen wir uns über ein Genre lustig, das zum größten Teil von B-Movie bevölkert wird. Da ist dann der etwas schäbigere Look auch Teil des Konzepts. Für uns wäre das, was wir hier hätten machen können, wahrscheinlich genug gewesen, um eben all die Extras zu machen und vielleicht das eine oder andere Element der Produktion zu verbessern, etwa einen bekannteren Schauspieler anstelle eines Unbekannten als potentielles Opfer von Jäsøn zu engagieren. Wir haben zum Beispiel eine Episode die in einem Supermarkt spielt und wir würden dort sehr gerne richtig viel kaputt machen – zum Beispiel ein Shot, bei dem ein Katana durch unzählige Schachteln Müsli und Milch wetzt. Aber so etwas kostet und bei derzeitigem Budget müssen wir diesen Shot viel vorsichtiger angehen, oder vielleicht ganz streichen. Hier hätte man mit etwas mehr Budget auch mehr Optionen.

Aber die Idee pro Early Access war viel mehr als Geld zu machen – das war eigentlich sogar nachrangig. Wir sahen darin vielmehr eine Chance und einen Grund, zusätzliches Material zu produzieren, ohne es dann einfach irgendwo auf YouTube als Behind-the-Scenes verkommen zu lassen. Und gleichzeitig würde es uns erlauben, einen viel direkteren Diskurs mit den Zuschauern einzugehen.

Erfüllt Jäsøn Deiner Meinung nach alle Anforderungen, die Valve an Early Access-Einsendungen stellt?

Patrick: Auf lange Sicht erfüllt Jäsøn sicher mehr als die Grundansprüche für Early Access, würde ich sagen – und geht sogar weit darüber hinaus. Immerhin bekommen Early-Access-Käufer normalerweise das Gleiche, was jene, die es nach Early Access kaufen, auch bekommen. Bei uns hätte es da viel mehr gegeben. Zweierlei maßgebliche Dinge sind hier schief gegangen und haben dann letzten Endes dazu geführt, dass es wieder vom Early Access genommen wurde.

Irgendwo in der Kommunikation zwischen uns und Steam ist etwas falsch gelaufen. Da wurde uns gegenüber nicht wirklich klargestellt, was die sich nun erwarten, was da eigentlich drinnen sein sollte. Und es ging dann alles etwas zu schnell. Wir waren dann zeitlich etwas unter Druck – wir wollten Jäsøn als Genre-Gag zu Halloween publik machen – und hatten einfach nicht ausreichend Material in das Paket getan. Teilweise einfach nur aus Sorge, es würde nicht rechtzeitig am Server sein. Wir hätten schon noch ein paar Behind-the-Scenes-Videos und mehr parat gehabt.

Andererseits hatten wir nicht damit gerechnet, dass uns irgendwer wahrnimmt. Wir dachten, wir würden die nächsten Wochen irgendwo in den unbesuchten Ecken von Steam herumliegen, mit genügend Zeit, um da viel mehr Material einzubauen. Und der eine oder andere Verirrte würde uns einfach ignorieren – ist ja nicht so, dass man gezwungen wird, was zu kaufen, und die Geld-Zurück-Option gibt’s dann ja auch noch. Im besten Fall würden ein paar Kopien an Freunde und Verwandte gehen und bis man richtig mitbekommt, dass es uns gibt, würden wir bereits einiges an Material zur Verfügung gestellt haben. Dass wir auf der Frontseite landen würden, wussten wir nicht und hat man uns auch nicht angekündigt.

Entspricht das, was in dem nicht mehr verfügbarem Paket enthalten ist, dem, was Ihr den Käufern zukommen lassen wolltet?

Patrick: Was jetzt drinnen war, war nicht sehr viel. Ein paar PDFs und Bilder, ein paar MP3-Dateien. Aber das lag eben an den widrigen Umständen. Ende nächster Woche wäre es dann in dem Zustand gewesen, in dem ich es gerne gesehen hätte.

Zuerst ist es wichtig zu verstehen, dass User die Early Access gekauft hätten, weit mehr bekommen hätten als jene, die es erst nach Early Access gekauft hätten.

Es hätte insgesamt acht Folgen „WTF Jäsøn“ gegeben. Ein stilisierter und humoristischer Vlog, in dem wir nicht nur die Entwicklung der Serie dokumentieren wollten, sondern auch wirklichen Einblick in den Prozess gewähren, wie so eine Serie nun entsteht. Es hätte außerdem einiges an Clips und Bildern gegeben. Also von Behind-the-Scenes zu Gag-Reels oder einfach nur Momentaufnahmen vom Set, Zeitrafferaufnahmen von den Shoots, etc. Dann wären da noch Produktionsunterlagen. Wir hätten Skripte mit den Usern geteilt, hätten sie Entscheidungen mittreffen lassen, Storyboards, Logos, Poster und Sticker zum Ausdrucken, Musik und Ringtones, Grafiken die wir für die Welt von Jäsøn gemacht haben. Aber sogar Rechnungen, Budgetaufstellung und vieles mehr.

Später dann hätte es Dailies, also Aufnahmen des Tages, Roh- und Frühe+Schnitte und sogar Clips zum selber Schneiden inklusive Community-Wettbewerb gegeben. Mindestens drei der finalen Episoden hätte es bereits während des Early Access’ gegeben. Alles in allem wäre das Zusatzmaterial so um die 15 bis 19 Gigs an Daten gewesen; zusätzlich hätte es Events und Interaktion mit dem Publikum gegeben – etwa eine Schnitzeljagd, bei der man den tatsächlichen Jäsøn finden muss – und einiges mehr. Und dann natürlich noch Season 1 von Jäsøn, aber eine Woche früher als alle anderen. All das für 7 Euro. Das ist dann doch etwas mehr als nur eine Textdatei :)

Der Verkauf ist gestoppt. Was ist passiert? Habt Ihr den Early Access gestoppt oder hat Valve eingegriffen?

Patrick: Wie genau es dazu kam, kann ich nur spekulieren. Es lief eigentlich alles ganz gut, nachdem wir Samstagabend um 21 Uhr online gingen. Über Nacht von Samstag auf Sonntag haben wir ein paar Exemplare verkauft, nichts Aufregendes, aber dennoch erfreulich. Vorwiegend Freunde, die auch meldeten, sie hätten es erworben. Ein paar verstreute User da und dort.

Aber mir fiel dann schon auf, dass wir allen möglichen Traffic bekamen, von unterschiedlichsten Seiten. Da war da plötzlich Reddit, dann das eine oder andere Forum, und am Sonntag war es dann noch mehr. Zu dem Zeitpunkt dachte ich mir noch gar nichts Übles. Im Gegenteil, ich trat hervor und wollte einen Dialog eröffnen, den Leuten die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen.

Und dann kamen auch die ersten negativen Kommentare auf. Die meisten regten sich einfach nur auf, dass Steam nun auch Videos auf Early Access erlauben würde, etc. Alles relativ harmlos, und mehr wegen des allgemeinen Unmuts gegenüber Early Access-Titeln. Inzwischen gab es im Produktforum die Frage, ob Jäsøn überhaupt legal sein kann. Weil unser Charakter einen ähnlichen Namen wie der Antagonist in den „Freitag der 13.“-Filmen hat und ebenfalls eine Maske trägt. Dass die Maske ein sehr oft vorkommender Trope in diesem Genre ist und dass Ähnlichkeiten eben nur das sind, Ähnlichkeiten, und das Ganze dann auch noch eine Satire ist, was Parodie impliziert, und damit die bekannten Archetypen eben auf die Schippe genommen werden, das war dann schon egal. Der OP jenen Threads hat sich dann ein Exemplar gekauft und vertrieb auf YouTube ein Video, in dem er dann darüber hetzte, dass es nur eine Textdatei wäre – was faktisch nicht wahr war. Das hat dann schnell mal die Runde gemacht; mit noch mehr Reddit-Posts und sogar 4chan fing an.

Da werden sich dann ein paar über das Produkt beschwert haben, Valve gab nach, nahm es aus dem Early Access raus und reihte es unter „Coming Soon“ ein. Valve kam dann zu mir und meinte, da wäre nicht genug drinnen und es müsste mindestens eine finale Episode, zumindest im Rohschnitt, dabei sein. Was ich da übrigens zum ersten Mal hörte. Ich wollte zu dem Zeitpunkt eigentlich nur noch, dass sie das Produkt rausnehmen. Für mich war es da bereits gegessen.

Du sprichst in der Vergangenheit. Ist das Projekt gestorben?

Patrick: Ich spreche in der Vergangenheit wenn es um Early Access geht. Jäsøn selbst ist von den Ereignissen der letzten Tage relativ unbetroffen. Derzeitiger Stand ist, dass wir theoretisch nochmal Early Access versuchen können, wenn wir ausreichend Material bereit stellen. Aber vor allem muss eine der finalen Episoden dabei sein, wenn auch nur in Rohform, damit es in deren Konzept von Early Access passt. Ob wir das tun wollen ist fraglich. Wenn wir Early Access auf Steam machen wollen, müssen wir jetzt vorab Material produzieren, das dann aber nicht dafür garantiert, dass wir von Valve aus auch wieder Early Access sein dürfen. Das wären dann unter Umständen verschwendete Zeit, Kosten und Ressourcen.

Aber wir wollten – wie erwähnt – über die nächsten Wochen sowieso ein paar Crowdfunding Kampagnen starten; Indiegogo und Patreon, auch hier vorwiegend zum Aufpolstern des Budgets, nicht zur Grundfinanzierung.

Ursprünglich hätten wir da Steam Early Access Keys, als Perk oder als Teil von Perks, dazugetan. Vielleicht machen wir es jetzt umgekehrt. Machen das ganze Paket nicht für Steam und Early Access, sondern exklusiv für die Unterstützter unserer Kampagnen. Da verändert sich der Inhalt aber auch ein wenig, weil es keinen chronologischen Anspruch mehr hat, die Entstehung von Jäsøn fortlaufend zu dokumentieren. Da wird es dann mehr eine Art „Spezial-Feature“ Paket werden.

Welchen dieser Wege wir nun wählen werden, ob wir Jäsøn dann später als abgeschlossene Serie verkaufen, ob wir es nochmal mit Early Access versuchen werden, oder uns ganz von Steam fernhalten, das werden wir in den nächsten Tagen innerhab des Teams besprechen. Aber eines bleibt bestehen, egal was sonst passiert: Jäsøn kommt im Frühjahr 2016.

Viel ist über Creative Monkeys nicht in Erfahrung zu bringen. Eure Webseite befindet sich derzeit im Umbau. Wer ist mit involviert und welche Projekte haben die Monkeys bislang abgeschlossen?

Patrick: Da gibt es auch noch nicht viel zu sagen. Uns gibt es in legaler Form [als Firma] erst seit relativ kurzer Zeit, deswegen auch der Umbau der Seite, wobei wir uns in letzter Zeit mehr auf Jäsøn konzentrierten und das ein wenig schleifen haben lassen.

Creative Monkeys Productions war bis vor kurzem ein loser künstlerischer Haufen, der vorwiegend No-Budget und mehr Experimentelles erzeugt hat – in Österreich übrigens. Durchwegs professionelle Leute, die alle ihre eigenen Engagements haben, fanden sich hier zusammen, um mit Formen der Erzählung zu spielen. Seit einigen Monaten gibt es uns als Firma in England – vorwiegend zur Produktion von Jäsøn und anderer kommerzieller Projekte. Ich selbst bin seit vielen Jahren im Filmbereich tätig, habe früher Corporate Videos gemacht, diverse Schulungs- und Lehrfilme, die eine oder andere Dokumentationsreihe, habe Film- und TV-Studios auf Auftrag aufgebaut, und war an diversen anderen, weniger aufregenden Produktionen beteiligt – aber kaum etwas, das in die Annalen der Filmgeschichte eingehen wird, fürchte ich.

Seit einiger Zeit aber versuche ich mehr meine eigene Projekte zu verwirklichen. Auf Indie- und Micro-Budget-Pfaden; wie das so ist, wenn man kein großes Studio hinter sich hat. Ist in der Filmbranche nicht unüblich, für eine Produktion eine eigene Firma zu gründen. Wir gingen dazu nach England – hat hier auch andere Vorteile, da wir grundsätzlich in Englisch produzieren, schon alleine des Publikumpotenzials wegen.

Noch gibt es von Creative Monkeys Productions nicht viel zu sehen, aber das wird sich in den kommenden Jahren ändern. Wir glauben fest an den Erfolg von Jäsøn, und wir haben bereits andere fantastische Geschichten, die wir zur Produktion in den nächsten Jahren vorbereiten

Vielen Dank für das Interview.