Mit den Steam Rückerstattungen hat Valve eine wichtige und richtige Neuerung in Steam eingeführt. Die Art der Umsetzung führt aber dazu, dass das System missbraucht wird. Von einigen Entwicklern hagelt es deshalb berechtigte Kritik. Denn am Ende profitiert fast ausschließlich Valve.

Die Steam Rückerstattungen wurden von einem großen Teil der Steam Community schon seit geraumer Zeit gefordert. Insbesondere von deutschen und europäischen Steam Usern ist diese Forderung nachvollziehbar, sind sie es doch mittlerweile dank Amazon und Kohorten gewohnt, Produkte zu kaufen und bei Nichtgefallen einfach wieder zurücksenden zu können – auf Kosten der Online-Händler. Das nimmt teilweise so groteske Ausmaße an, dass Amazon schon verschiedene Kundenkonten gesperrt hat, weil diese übermäßig regen Gebrauch von der Rücksendemöglichkeit machten.

Jetzt sind solche Rücksendungen auch bei Steam in Form der Rückerstattungen möglich; zumindest unter gewissen Auflagen. Grob umrissen muss die Steam Rückerstattung innerhalb von 14 Tagen nach dem Kauf des Spiels angefordert werden und der nunmehr unerwünschte Titel darf nicht länger als zwei Stunden gespielt worden sein. Hinzu kommen verschiedene Ausnahmeregelungen.

Ein Drittel aller verkauften Spiele könnte zurückgegeben werden

Was aber bedeutet das für die Spieleentwickler? Auf Basis der Steam-Spy-Daten hat Xpaw von SteamDB ein paar statistische Auswertungen durchgeführt. Steam Spy farmt die öffentlich zugänglichen Profile der Steam User ab. Diese enthalten auch Informationen darüber, wie lange ein Steam User mit einem bestimmten Spiel verbracht hat. Das Ergebnis: Im Schnitt werden 59 Prozent der bei Steam gekauften Spiele unter zwei Stunden gespielt. Deutlich über die Hälfte der Spiele würden damit in das Spielzeitfenster der Steam Rückerstattungen passen.

Allerdings ist das nur ein Mittelwert. Nicht jedes Spiel wird in gleicher Stückzahl bei Steam verkauft. Tatsächlich ist es so, dass zum Zeitpunkt der Erhebung nur 599 Millionen der 955,6 Millionen verkauften Spiele eine Spielzeit von über zwei Stunden aufwiesen. Lediglich 356,6 Millionen Spiele lagen im relevanten Zwei-Stunden-Zeitfenster. Mit rund 37 Prozent handelt es sich dennoch um beachtliche Menge Spiele, die potenziell zurückgegeben werden könnten. Weitere interessante Erkenntnis ist, dass Spiele mit einer Spielzeit von unter zwei Stunden durchschnittlich nur auf einen User-Score von 71 Prozent kommen und im Schnitt nur 9,80 US-Dollar kosten. Titel mit mehr Spielzeit kommen hingegen auf einen Durchschnittspreis von 17,58 US-Dollar und einen durchschnittlichen User-Score von 78 Prozent.

Rund 37 Prozent der Spiele kommen auf eine Spielzeit von unter zwei Stunden.
Rund 37 Prozent der Spiele kommen auf eine Spielzeit von unter zwei Stunden.

Zwischen der Spielzeit und dem Verkaufspreis besteht also ein Zusammenhang. Je länger das Spiel ist, desto teurer wird es im Schnitt verkauft. Der recht ähnliche durchschnittliche User-Score belegt zudem, dass kurz gespielte Titel nicht zwangsläufig schlechte Spiele sein müssen. Die kurze Spieldauer ist also wahrscheinlich Absicht. In einer absolut ehrlichen und gerechten Welt wäre das kein Problem. In unserer Gesellschaft könnte es aber bedeuten, dass Steam User ein Spiel kaufen, es in unter zwei Stunden durchspielen und dann innerhalb der 14 Wochen Frist eine Rückerstattung fordern.

Steam Rückerstattungen zeigen bereits Auswirkungen

Wie zu erwarten nutzen die Steam User die sich bietende Gelegenheit. Unter anderem davon betroffen ist Qwiboo, die das Spiel Beyond Gravity bei Steam für 1,99 Euro anbieten. Ein typischer Indie-Titel zu einem sehr günstigen Preis. Viele Verkäufe konnte das Team ohnehin nicht verzeichnen. Seit Valve aber die Steam Rückerstattungen eingeführt hat, bricht quasi alles zusammen. Bis zu zehn Sales waren es bei Beyond Gravity zuletzt pro Tag. Seit dem 2. Juni 2015 sind die nicht übermäßigen aber durchaus feststellbaren Verkaufszahlen nunmehr gleich Null.

Verkaufszahlen von Beyond Gravity. Quelle: Twitter
Verkaufszahlen von Beyond Gravity. Quelle: Twitter

Und ausgerechnet Beyond Gravity ist einer der zuvor erwähnten, sehr kurzen Titel. Er lässt sich in kürzester Zeit durchspielen, was bei einem Preis von nur 2 Euro auch absolut in Ordnung ist. Die 616 Reviews des Spiels führen zu einem User-Score von 89 Prozent. Beyond Gravity ist also definitiv kein schlechtes Spiel. Stattdessen fällt es schlicht den Richtlinien für Steam Rückerstattungen zum Opfer. 72 Prozent der verkauften Spiele wurden innerhalb von drei Tagen zurückerstattet.

Dasselbe Problem kann Puppygames verzeichnen. Leider fehlt die Skala, um die absoluten Verkaufszahlen erkennen zu können, der Trend ist aber auch in diesem Fall vollkommen eindeutig zu erkennen.

https://twitter.com/puppygames/status/606391655483211776

Valve ruht sich auf positivem Feedback aus – und profitiert

Derweil freut sich Valve über das positive Feedback aus der Steam Community. Grundsätzlich hat Valve auch einen richtigen Schritt mit den Steam Rückerstattungen unternommen und schlussendlich auch nur EU-Recht umgesetzt. Dennoch muss sich das Unternehmen die Kritik von den Entwicklern gefallen lassen und sollte darauf eingehen. Die Zwei-Stunden-Frist ist zu willkürlich gewählt. Sie schadet vor allem solchen Spielen, die auf eine kurze Spielzeit ausgelegt sind und aus genau diesem Grund aber auch fast nichts kosten. Hier muss eine Änderung her. Andernfalls könnte es bald so kommen, dass kurze Spiele einfach noch ein paar Minuten nach dem ersten Spielstart mit dem Nachladen von Daten beschäftigt sind, extralange Introvideos ausspielen oder ein extrem umfangreiches Tutorial einbauen, damit die zwei Stunden Spielzeit möglichst schnell erreicht werden.

Hinzu kommt noch eine weitere Besonderheit, die einigen Entwicklern besonders sauer aufstößt. Bei jedem Verkauf per Steam gehen 30 Prozent des Kaufbetrages an Valve. Kauft ein Spieler also einen Titel für 20 Euro, dann erhält Valve 6 Euro und der Entwickler 14 Euro. Das ist der Steam-Standard-Split. Nun entscheidet sich der Käufer für eine Steam Rückerstattung. Valve schlägt automatisch per Standard-Einstellung vor, dass der Kaufbetrag der Steam Wallet hinzugefügt wird. Der Entwickler erhält wegen der Rückerstattung keinen Cent, die 20 Euro sind aber in der Steam Wallet eingeschlossen und verbleiben damit unwiderrufbar in der virtuellen Ökonomie von Steam. Egal, wie der Steam User das Guthaben seiner Steam Wallet jetzt auch ausgeben mag, Valve wird in fast allen Fällen mindestens 30 Prozent des Guthabens vereinnahmen können.

  • redark

    Vorab: Ich bin ebenfalls für einen Indie-Entwickler tätig, der ein Spiel auf Steam verkauft.
    Wir haben natürlich ebenfalls Refunds zu verzeichnen, doch das ist normal, da Kunden ja nun die Möglichkeit dazu haben. Wir haben keinen gravierenden Verkaufseinbruch erlitten.

    Ich verstehe diese Obsession von manchen Entwicklern (und Journalisten) nicht, dass manche Entwickler dadurch weniger Umsatz machen. Oder dass das Geld dann plötzlich in der Steam Wallet der Kunden landet und Valve nicht wirklich verliert.
    Warum hat der Kunde nicht das Recht, sein Geld in etwas zu investieren, das er mehr mögen wird als „Dein“ Spiel, für das er eine Erstattung erhielt? Andersrum könnte er sogar einfach stattdessen „DEIN“ Spiel kaufen.
    Wenn er aber nicht dein Spiel kauft und du derjenige bist, dessen Spiel erstattet wurde, geht das Ding dann nicht eher auf „Deine“ Kappe und zeigt dir auf, dass dein Spiel eventuell verbesserungswürdig ist?
    Ist ja nicht so, dass die Welt dir etwas schuldet.
    Wenn Kunden die Freiheit haben, ihr hart verdientes Geld auf Steam in etwas zu investieren, das sie wirklich wollen und es im Endeffekt nicht „mein“ Spiel ist, dann ist das mein Problem, nicht das der Kunden oder gar von Valve. Genau hierum sollten sich die Entwickler bemühen.
    Sei das Spiel, das man mit dem erstatteten Geld kauft, nicht das Spiel, das man erstattet.

    Darüber hinaus bietet das System auch für Entwickler Vorteile:

    Zum Beispiel sind Kunden nun vermutlich etwas abenteuerlustiger mit ihren Einkäufen, wovon vor allem kleinere Devs, Nischen-Spiele oder „Retro“-Games und Early Access Titel profitieren können.
    Gerade Devs von Early Access Titeln werden nun sicher feststellen, dass jetzt mehr Kunden bereit sind, in das kalte Wasser zu springen (die wenigsten bieten ja eine Demo an. Und mit den Refunds „müssen“ sie das ja nun auch nicht mehr). Kunden können sich nun ein Bild von der aktuellen Qualität und auch dem Umfang machen, ohne Youtube Videos und Twitch Streams zu durchforsten.

    Dazu dürfte kommen, dass die Steam Foren/Hubs nun vermutlich etwas freundlicher werden. Denn diese sind – mit wenigen Ausnahmen – regelrechte Schlachtfelder. Wir hatten auch mit einigen Sachen zu kämpfen, aber in den Fällen haben wir auch einfach „Scheiße gebaut“. Von nichts kommt nichts. Leute sind in der Regel feindselig weil sie genervt sind. Entweder gerechtfertigt oder nicht; Sie haben Geld für etwas bezahlt und sind damit nicht zufrieden – warum auch immer.

    Der Grund dafür mag vielleicht garnicht die Schuld der Entwickler sein aber der Grund ist dann trotzdem da und bleibt oft bestehen und derjenige hat dann nur eine Möglichkeit, um Regress zu nehmen: Sich auslassen, sich beschweren und vielleicht sogar andere davon abhalten, den gleichen Fehlkauf zu machen.
    Genau diejenigen können sich jetzt im Wind verteilen, denn sie haben ihre Erstattung. Für viele (nicht alle) wird sich das Ding dann damit erledigt haben.

    Ein weiterer positiver Aspekt ist der, dass es nun weniger Mist auf dem Markt geben wird.
    Das mag gemein sein aber wahr. Vor allem gilt das für die Early Access Entwickler da draußen. Wer auch immer ein Spiel aus dem neuesten Genre-Trend entwickelt (Survival Games heute. Voxel Builder letzten Monat) um dem Trend gerecht zu werden und sein Spiel einfach mal eben fix zusammenbastelt um daraus Kaptial zu schlagen. Genau diese Entwickler schaden dem System, das wir uns alle teilen, indem sie aus vielen „Early Access? Nie wieder“-Kunden machen. Mit der Möglichkeit der Erstattungen gibt es weniger Risiko für Kunden auf dem Mist-Spiel sitzen zu bleiben. Die Spiele werden wesentlich schneller aussterben bevor sie wirklich Schaden anrichten können.
    Spiele, die wirklich versuchen das Genre eventuell zu verbessern oder auszuweiten wird nun überhaupt die Chance dazu gegeben eben das zu tun.

    Das System ist wirklich nicht so schlecht wie behauptet wird.

    Ich würde gutes Geld darauf verwetten, dass das Spiel, für das ich arbeite mehr Greenlight-Votes bekommen hat, als alle anderen Spieel im Greenlight-System in diesem Jahr zusammen.
    Warum? Weil wir unser Spiel direkt am ersten Tag in Greenlight hatten, als Greenlight an den Start ging. Wir waren in der ersten Reihe der Spiele, die das „grüne Licht“ tatsächlich erhalten haben (haben aber dann trotzdem ein weiteres Jahr gewartet, bevor wir es überhaupt auf Steam verkauft haben). Wir haben eine Unmenge an Votes erhalten, weil Greenlight neu war und JEDER gerade darüber gesprochen hat.
    Man sollte die Rate an Erstattugnen in der ersten Woche also nicht unbedingt beurteilen, wenn gerade jeder und sein Hund drüber reden und Steam Refunds gerade DAS Online-Thema bei Games ist (und das kurz vor einem Summer Sale, wohlgemerkt). Ich wage zu bezweifeln, dass die „echten“ Mengen an Erstattungen sich im gleichen Rahmen bewegen werden wie jetzt gerade.
    Wenn wir damals unsere Greenlight-Votes benutzt hätten um Rückschluss auf unsere voraussichtlichen Verkaufszahlen zu erhalten, wären wir wohl davon ausgegangen, dass wir mehrere Millionen Kopien verkaufen müssten.

    Extrapolation in der ersten Woche des Systems ist einfach unnötig.

    Als letzten Punkt würde ich schlichtweg den moralischen Punkt nennen.
    Es war nunmal einfach nicht „richtig“, dass Leute, die unser Spiel gekauft haben nicht die gleichen Kundenrechte hatten, wie Kunden anderer Produkte in den meisten kapitalistischen Ländern.
    Wenn wir wegen dem Mangel an einer Erstattungsfunktion mehr Geld machen, ist das doch kein gutes Modell. Ab jetzt muss ich einfach kein schlechtes Gewissen mehr haben.
    Wenn wir plötzlich eine Erstattungsrate von 75% hätten, dann wäre das natürlich schlecht. Sehr schlecht.
    Aber es wäre auch gerecht, denn schließlich sind mehr Leute mit unserem Spiel unzufrieden als wir bisher angehommen haben.
    Aber wie genau beeinflusst uns das jetzt?
    Wie anfangs erwähnt, haben wir kaum einen Einbruch zu verzeichnen. Wir haben uns auch schon für die Möglichkeit von Erstattungen ausgesprochen, bevor es Statistiken dafür gab, was genau die Auswirkungen für uns wären.
    Trotzdem haben wir auch teilweise ein schlechtes Gewissen, weil wir uns *dafür* aussprechen wenn es für uns nicht vom Nachteil ist, da es ja anscheinend anderen schon schadet.

    Allerdings würde ich sagen, dass wir daran auch hart gearbeitet haben und dafür gesorgt haben, dass wir den Preis unseres Spiels so gering halten wie wir es noch rechtfertigen können; und selbst wenn alle anderen Aspekte dafür sprechen, dass wir mit einem bisschen höheren Preis wesentlich mehr Umsatz machen würden, haben wir es uns zum Ziel gemacht so viel Spielstunden an „Entertainment“ für so wenig Geld wie möglich zu bieten.
    Wir haben Mod-Support zu Priorität gemacht, wir haben jede Aktion genutzt, die dem „Kunden“ ein bisschen zufriedener machen könnte selbst wenn es nicht zu einem unmittelbaren Profit geführt hat – und das hat sich bisher ausgezahlt.
    Genau deswegen sind wir noch gut dabei – obwohl einige unserer Features lange auf sich warten lassen (weil wir uns einen hohen Anspruch gesetzt haben) herrscht in unseren Foren noch immer eine angenehme und freundliche Atmosphäre und trotz der Einführungen der Erstattungen haben sich die meisten dafür entschieden zu uns zu halten…

    und wenn sie das nicht getan hätten, dann wäre es unsere Aufgabe herauszufinden, warum das der Fall ist und daran zu arbeiten. Nicht auf einmal anzunehmen, dass jeder der unser Spiel gekauft hat unehrliche Absichten hat und das System ausnutzt.
    Wenn das direkt unser erster und einziger Gedankengang ist, vielleicht ist genau das die Ursache des Problems?

    • Ich bin ganz bei Dir, was die Steam Rückerstattungen angeht. Auch ich halte sie – wie geschrieben – für eine richtige und wichtige Neuerung. Die am Ende hoffentlich für mehr Qualität in Spielen sorgen wird, durch den Zwang, etwas gutes abzuliefen. Allerdings lässt sich das System in der jetzigen Form, wie am Beispiel des guten Spiels Beyond Gravity angeführt, ausnutzen. Natürlich ist es zu früh für eine Extrapolation und fundierte Vorhersage für die nächsten Wochen oder Monate. Aber es gibt eben ein paar Warnzeichen, auf die man achten muss.

      Jetzt hast Du aber meine Neugier geweckt und ich würde gerne erfahren, für welchen Indie-Entwickler zu tätig bist :) Falls Du Kontakt aufnehmen willst, findest Du oben ja meine Profillinks.

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